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Ein Gespräch über die soziale Infrastruktur im Gensinger Viertel

Das Interview mit Agnes Ludwig, tätig in der Falkenburg, blickt aus der Perspektive der jüngsten Generation auf die Stadtentwicklung im Gensinger Viertel. Wie auch Paul Stock sieht Agnes Ludwig viele Probleme im Kiez und betont, wie wichtig die Förderung der sozialen Infrastruktur für junge Menschen aus sozial schwächeren Umfeldern ist. Zudem erweist sich das Neubauprojekt Kalinka aus ihrer Sicht als eine Kontroverse, die Chancen, aber auch Gefahren für die Entwicklung des Gensinger Viertels in sich birgt.

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LK: Welcher der Nutzungen im Gensinger Viertel, die über das Wohnen hinausgehen, messen Sie eine besondere Bedeutung bei?

AL: Es gibt die KiTa Die Brücke und das dazugehörige Familienzentum, den Kinder- und Jugendclub Haus der zwei Türen sowie eine Turnhalle mit dazugehörigem freien Fußballplatz und Grünfläche mit Trimm Dich-Geräten, sowie Spielplätze. Davon wird insbesondere der Fußballplatz von vielen verschiedenen Gruppen frequentiert, hier mischen sich Kinder (teils mit Eltern), Jugendliche und zunehmend wird dieser auch von jungen Geflüchteten genutzt.

LK: Gibt es Ihrer Meinung nach eine ausreichende Vielfalt und Durchmischung der Nutzungen?

AL: Die uns bekannten Nutzungen betreffen natürlich vor allem die Perspektive von Kindern und Jugendlichen, die altersgemäß gar nicht so sehr an Durchmischung interessiert sind, und vergleichsweise ein vielfältiges Angebot, wenn auch insgesamt zu wenig Betreuung, haben. Was unserer Kenntnis nach komplett fehlt sind Angebote für SeniorInnen oder Bevölkerungsgruppen – abgesehen von Kindern und Jugendlichen –, die über eine geringe Mobilität verfügen.

LK: Wie bewerten Sie die Abgrenzung des Gebiets durch die Bahntrassen, die B1 und die Rhinstraße?

AL: In der Konzeption der Falkenburg für 2015 haben wir dies folgendermaßen formuliert:„Der Sozialraum wird westlich von der vierspurigen Rhinstraße, südlich von der sechsspurigen Straße Alt-Friedrichsfelde begrenzt. Nördlich und östlich ist der Sozialraum durch Bahntrassen eingefasst. Daher sind die Grenzen des Sozialraums deutlich abgrenzbar, dieser liegt relativ isoliert. Diese Begrenzungen sind gerade auch für viele Kinder Grenzen ihres Aktionsradiuses bei ihrer Freizeitgestaltung. Der Sozialraum ist vor allem durch Plattenbauten aus den 70er Jahren geprägt, die zum Teil unsaniert sind. Am Rand des Sozialraumes handelt es sich dabei vorwiegend um 11-Geschosser, innerhalb sind vor allem 5-Geschosser zu finden. Am östlichen Rand gibt es eine Neubausiedlung aus den 90er Jahren, auch hier sind Mehrgeschossbauten zu finden. In den letzten Jahren hat sich die Infrastruktur deutlich verschlechtert: Viele Gemeinweseneinrichtungen sind geschlossen worden, auch Einkaufsmöglichkeiten im Sozialraum haben sich stark reduziert. Laut aktuellstem Stadtteilportrait (bzw auf ww.berlin.de) für Friedrichsfelde Nord besteht ein starkes Defizit in der Versorgung mit Jugendfreizeitangeboten, im Gensinger Viertel sollen laut Handlungsempfehlungen verstärkt Projekte für junge Menschen aus sozial schlechter gestellten Familien angesiedelt werden, wovon die JFE Falkenburg mit ihrer kiezorientierten Arbeit bereits fester Bestandteil ist.“[1]

LK: Gibt es derzeit konkrete, laufende Veränderungen?

AL: Die Bebauung des ehemaligen Kalinka-Areals mit Eigentumswohnungen wird vermutlich ein neues Klientel aus sogenannten Mittelschichts-Familien anziehen, was zu einer Veränderung der Sozialstruktur führen könnte.

LK: Gibt es derzeit oder in absehbarer Zukunft Planungen zur Entwicklung des Quartiers? Wenn ja, welche?

AL: „Der Sozialraum des Gensinger Viertels (Prognoseraum 23[2]) ist geprägt durch hohe Arbeitslosigkeit und einem hohen Anteil von Familien mit Migrationshintergrund und Kindern nicht-deutscher Herkunftssprache. Die Verschlechterung der sozialen Lage vieler Familien und vor allem der Kinder ist überdurchschnittlich hoch (siehe Stadtteilmonitoring (bzw auf www.berlin.de)). Viele Multiproblemfamilien (Armut, Sucht, Scheidungsproblematiken, häusliche Gewalt etc.) ziehen aufgrund der Mietpreise und der Mietpolitik einiger Vermieter ins Gensinger Viertel.“[3] Insofern könnte eine bessere Vermischung verschiedener sozialer Schichten im besten Fall zu einer Aufwertung der Lebensqualität im Gensinger Viertel führen, im schlechtesten zu einer Vertreibung der bisher Ansässigen.

LK: Was ist ihr persönlicher Wunsch für das Gebiet?

AL: Da hier wie gesagt viele sogenannte Multiproblem-Familien wohnen, wäre eine bessere Finanzierung der vorhandenen Kinder- und Jugendangebote sinnvoll, damit die Sozialarbeitenden personell besser die Defizite auffangen können, mit denen viele der hier lebenden Kinder unverschuldet zurechtkommen müssen. Wie eigentlich überall in der Kinder- und Jugendsozialarbeit...

Die Korrespondenz fand im Januar 2016 über E-Mail-Kontakt statt. Internetpräsenz der Falkenburg: https://www.facebook.com/falken.burg.5 und http://www.falken-berlin.de/

Notes

[1] :aus Konzeption 2015 der JFE Falkenburg, nach Angabe der Interviewten

[2] Der Prognoseraum ist eine Raumabgrenzung innerhalb des jeweiligen Bezirks – großräumigste Ebene der LOR. Es gibt berlinweit 60 Prognoseräume (in Lichtenberg sind es 5) mit durchschnittlich 55.000 bis 60.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Ebene Prognoseraum dient prognostischen Zwecken. (Quelle: https://www.berlin.de/ba-lichtenberg/auf-einen-blick/buergerservice/gemeinwesen/artikel.299604.php)

[3] :aus Konzeption 2015 der JFE Falkenburg, nach Angabe der Interviewten

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