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Das Gensinger Viertel - ein Quartier mit Identität?

Ole Kreins, Abgeordneter im Lichtenberger Wahlkreis 5 – Friedrichsfelde kommt in der Gesprächsreihe über die Entwicklungen im Gensinger Viertel nach Paul Stock als Zweiter zu Wort. Während sich beide darüber einig sind, dass die Insel-Situation des Gebiets problematisch ist, sieht Ole Kreins vor Ort weitere Defizite, wie das Fehlen eines Nahversorgers für den täglichen Bedarf. Identität ist ein wichtiges Schlagwort, das im Gespräch mit ihm immer wieder fällt. Sie scheint dem Gensinger Viertel aus verschiedenen Gründen zu fehlen.

Zu Beginn widmen wir uns der örtlichen Lage des Areals.

LK: Wie bewerten Sie die Abgrenzung des Gebiets nach außen?

OK: Es ist schon ein abgegrenzter Bereich. (… ) Ich würde aber nicht sagen, dass das zu einer eigenen Identität, sondern zu Problemen geführt hat. Es gibt ganz Wenige, die sich als engagiert fürs Gensinger Viertel bezeichnen. Vielleicht hat das etwas mit der Sozialstruktur zu tun. In anderen Bereichen, wo es abgegrenzte städtische Strukturen gibt, entwickelt sich auch eine Identität.

Einhergehend mit der Insel-Lage des Gensinger Viertels, ist die Nutzungsverteilung relevant für die Situation vor Ort.

LK: Gibt es im Gensinger Viertel Nutzungen über das Wohnen hinaus?

OK: Wir haben in dem Gebiet verschiedene Nutzungen. Eine Erholungs-/Kleingartenanlage direkt gegenüber vom Bahnhof oder ein bisschen städtische Struktur an Kleingewerbe am nördlichen Bahnriegel. (… ) Aber die zentrale, relevante Nutzung ist das Wohnen. Das Gebiet ist durch die DDR-Planung strukturiert worden, daher auch Kalinka. In der DDR war die Frage der Mobilität, des Einkaufs und des Konsums anders organisiert. Für die Dinge des täglichen Bedarfs war nicht unbedingt ein PKW notwendig und deshalb musste Kalinka wohnortnah erreichbar sein und deswegen in der Mitte des Quartiers. Im Nachgang haben sich dort verschiedene Investoren nicht nur für Wohnen, sondern auch für Gewerbe, Verkauf und einen Einzelhandelstandort interessiert.

Diese Gestaltung des Quartiers brachte nach der Wende viele Konsequenzen mit sich und es besteht auch heute noch, trotz des auf den ersten Blicks „recht fertigen Quartiers“ ein hoher Handlungsbedarf. Einige Errungenschaften konnte Ole Kreins schon verzeichnen.

LK: Was wurde sozial oder ehrenamtlich erreicht?

OK: Was ich persönlich erreicht habe, ist, dass der bestehende Jugendklub, die Falkenburg, der in einem Sportfunktionsgebäude mit 2x2 Meter großen Schwarzschimmel-Flecken (…) untergebracht war, umziehen konnte. Wir haben Gelder gefunden, um einen Jugendklub, das Haus der zwei Türen zu bauen, wo einerseits der Humanistische Verband die Jugendarbeit und die Falkenburg die Kinderarbeit machen kann. Zudem sind noch einige Spielplätze dazu gekommen. Aber, Schulen und Seniorenfreizeiteinrichtungen wurden nicht neugebaut. Das ist ein Defizit.

Doch dies ist nicht das einzige Manko. Ole Kreins bemängelt noch mehr im Gensinger Viertel.

OK: Ich habe mich dafür eingesetzt, dass wir im Bereich Kalinka eine Nahversorgungssituation bekommen. Das war mit den Investoren aber nicht möglich und auch rechtlich nicht durchsetzbar. Es gab aus der Bezirksverordnetenversammlung zwar die Anregung dort Gewerbe unterzubringen, aber der Investor konnte das nicht realisieren und es ist im Bebauungsplan nicht festgeschrieben worden. Allein der Abriss des Kalinka-Komplexes hat ja enorme Kosten verursacht und der Investor wollte relativ schnell rein, viel bauen, und relativ schnell wieder raus, also verkaufen. Ich fand das nicht gut, aber es ist nicht mehr so, dass es eine staatliche Planlenkungskomission gibt, die sagt, da muss jetzt Einzelhandel hin und es ist beschlossen. Flächennutzungsplankonform ist das, was jetzt stattfindet. (…) Ansonsten kann ich mir vorstellen, dass man irgendwann in diesem nördlichen Riegel zwischen Bahnhof und Friedhof die Nahversorgungssituation verbessert. Man kann auch das nicht verordnen, sondern es muss sich ein Investor finden, der das baut und ein Mieter, der das betreibt und Kunden, die das bezahlen.

LK: Welche Nutzung wäre sonst noch sinnvoll?

OK: Ich empfinde die Spielplatzsituation, trotz des Neubaus (Haus der zwei Türen, Anm. d. Red.), und die Situation für die Jugendlichen, Sport zu treiben immer noch als unzureichend. Was ich auch problematisch finde, ist die Kita Brücke. Das Kita-Gebäude scheint marode zu sein. Da passiert nichts. Da muss man was machen. Das erhöht auch die Attraktivität im Kiez.

Trotz dieser zahlreichen Missstände hat Ole Kreins klare Ziele vor Augen.

LK: Gibt es für das Gebiet eine übergreifende Vision?

OK: Eine übergreifende Vision heißt ja immer, es gäbe einen Leitspruch. Als Sozialdemokraten haben wir uns auf die Fahne geschrieben, uns in Lichtenberg für einen kinder- und familienfreundlichen Bezirk einzusetzen. Das heißt, wir wollen eine gute Anbindung an Kitas und Schulen erreichen, attraktive Sport- und Freizeitangebote für Familien machen, Wohnen und Arbeiten in Einklang bringen und insgesamt eine gute Verwaltungsleistung präsentieren. Dieser Claim gilt auch fürs Gensinger Viertel, und meine Aufgabe als Sozialdemokrat ist es, immer zu versuchen, dass nicht die Quartiere, in denen gutbürgerliche Schichten am lautesten schreien, bevorzugt werden, sondern auch die Quartiere, in denen es sozial Benachteiligte gibt, profitieren. Das sind einige im Bezirk. Während in Rummelsburg und in Karlshorst immer sehr schnell und sehr laut proklamiert wird, was gebraucht wird, hat die öffentliche Infrastruktur im Gensinger Viertel bedauernswerter Weise etwas Nachholbedarf. Mein persönlicher Ansatz ist, einen sozialen Ausgleich zu schaffen. (...) Wir müssen attraktive Angebote schaffen, um auch das Quartier für den Generationenwechsel, der irgendwann ein Mal ansteht, fit zu machen. Die Erstbezieher-Generation ist um die 70. Wenn wir über Perspektiven von 20- 25 Jahren reden, wird diese dort nicht mehr wohnen. Das heißt, es ziehen andere nach. Wer zieht nach? Werden das Sozialschwache sein? Werden das Familien mit Kindern sein? - Aber die Frage ist doch, wie gestalten wir den Kiez, um ein attraktiver Standort zu sein. Wir konkurrieren trotz der Wohnungsnot mit Standorten in Marzahn, in Hellersdorf, in Friedrichshain, in Köpenick. Deswegen müssen wir jetzt etwas machen, damit das Gensinger Viertel ein attraktiver Standort bleibt und nicht durch den Wegfall der Alteingesessnen umkippt. (...) Ich würde mich freuen, wenn sich in dem Kiez ein noch stärkeres Wir-Gefühl entwickelt und die Leute für ihre Belange eintreten. Das ist mir als Sozialdemokrat eine Herzensangelegenheit.

LK: In dem Sinne, dass der Kiez eine Identität bekommt?

OK: Genau, der Kiez muss eine Identität bekommen. Ein Ausdruck einer solchen Identität ist auch das Wir-Gefühl. Ich meine das nicht in Abgrenzung zu anderen Kiezen, sondern um zu sagen: „Wir wollen hier auch mal was für uns machen!“. Wir gründen einen Verein. Wir beteiligen uns am bezirklichen Putztag. Wir haben hier Interessen und die Politik sollte diese auch hören. Das ist das Wir, welches ich erreichen will. Das Wir gewinnt an dieser Stelle. Mein persönlicher Wunsch für das Gebiet ist, dass es sich positiv entwickelt, dass die Menschen Chancen bekommen und, dass es gerecht zugeht.

LK: Vielen Dank für das Gespräch!

OK: Bitte Sehr!

Das Interview wurde am 10.12.2015 im Abgeordnetenhaus von Berlin, dem Preußischen Landtag geführt. Internetpräsenz von Ole Kreins: http://ole-kreins.de/

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