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Von Berlin und seinen Vorstädten - Siedlungen im suburbanen Raum

Die Auseinandersetzung mit der Wohnraumverknappung Berlins, der Gentrifizierung und der Suche nach alternativen Wohnformen ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Begründet im aktuellen Wohnraummangel in Berlin, sucht die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt zusammen mit anderen Planungsbeteiligten nach Leitlinien für anstehende Wohnungsneubauprojekte. Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin prognostiziert einen Bevölkerungsanstieg auf 3,8 Millionen Menschen, 7,5% mehr als aktuell – wie kann Berlin diesen Zuwachs auffangen?

Andreas Geisel, Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, stellte am 18. Januar einen neuen „9-Punkte-Plan“ für den Wohnungsneubau vor. Laut Geisel seien jährlich 15.000 bis 20.000 neue Wohnungen pro Jahr erforderlich, um die Nachfrage zu decken. Der „Neubaukurs“ hätte sich bewährt. Um dieser Anzahl gerecht zu werden, müsse schnell gehandelt werden. Der Senator fordert, nicht den „Blick auf die Stadt als Ganzes zu verlieren“, und zusätzlich zum Wohnungsneubau „eine funktionierende Infrastruktur“ und „einen starken ÖPNV“ zu garantieren. Die Vernetzung dieser Faktoren stellt eine umfassende Aufgabe dar, der sich bereits Stadtplaner und Architekten in den 1990er Jahren angenommen hatten. Nach der Wende von 1989 prognostizierten Bedarfsschätzungen einen Mangel von bis zu 205.000 Wohnungen und der Wohnungsbau wurde zu „einer der dringlichsten Aufgaben der Stadt erklärt“[1]. Der Senat musste schnell handeln. In drei Jahren sollten bis zu 100.000 Wohnungen errichtet werden, eine Antwort auf diese Vorhaben war die „Neue Vorstadt": Ein Leitbild, das die Gestaltung der suburbanen Bereiche maßgeblich bestimmen sollte.[2]

Zu Beginn des Semesters trafen wir uns mit Bernd Faskel, einem Architekten, der maßgeblich an der Umsetzung von Großprojekten der Neunziger Jahre, wie Karow-Nord und Potsdam Kirchsteigfeld, beteiligt war. Wir erhielten so Informationen über die geschichtliche Einordnung und Kontextualisierung des Vorhabensaus der Sicht eines Beteiligten. Bernd Faskel berichtete, dass Berlin schon kurz vor der Jahrtausendwende, vor der Herausforderung der Bewältigung des Bevölkerungswachstums über seine Kapazitäten hinaus, stand. Er erzählte uns, dass „Prognosen nach der Wiedervereinigung (…) einen Anstieg auf fünf Millionen Einwohner (prophezeiten)“ [3]. Wie sollte man mit diesem Anstieg umgehen? Laut Faskel schien es „eine Lösung zu sein, die Flächen außerhalb der Innenstadt zu verdichten, bzw. für neue Großprojekte zu nutzen“. So wurden beispielsweise die Projekte Karow-Nord, Buchholz-West und Britz initiiert, sowie die Areale der Wasserstadt Spandau, Rummelsburger Bucht und Stralauer Halbinsel als Entwicklungsgebiete ausgewiesen. Die neuen Siedlungen in der Peripherie der Großstadt versprachen einen modernen Ausbaustandard, erste Möglichkeiten des barrierefreien Wohnens und eine gute Anbindung an die Innenstadt.

Diese Vorhaben trafen nicht bei allen Berlinern auf Zustimmung: Die Finanzierung dieser Großprojekte stieß auf großen Unmut bei der Bevölkerung der Innenstadt. Mit dem Mauerfall gewann der Stadtkern schließlich eine „halbe Stadt“ [4] hinzu, die einen erheblichen Sanierungsbedarf hatte. Stattdessen flossen die Gelder in die Entwicklung der suburbanen Räume, während viele Altbauten zunehmend dem Verfall und mangelnder Pflege ausgesetzt waren. Fördergebiete zur Wohnraumsanierung, wie Prenzlauer Berg, wurden z.B. erst 1993, als solche ausgewiesen. Der Widerstand gegen die Vernachlässigung der historischen Stadt war keine neue Erscheinung, sondern war bereits seit der IBA '87 ein wichtiger Aspekt der Stadtentwicklung. In Zukunft sollte behutsamer mit dem vorhandenen Bestand umgegangen werden [5].

Der Senat steht aktuell vor ähnlichen Herausforderungen wie damals. Berlin wächst schnell und es bedarf möglichst schnell an gut angebundenem, attraktivem und bezahlbarem Wohnraum, um Quartiere mit einer hohen Lebensqualität zu schaffen. Die Senatsverwaltung sucht nach Antworten in den Großsiedlungen von damals – wie sind die städtebaulichen und sozialräumlichen Ergebnisse in diesen Gebieten zu bewerten und was können wir aus ihnen lernen?

Mit der Recherche im Potsdamer Kirchsteigfeld, einem suburbanen Wohnungsbauprojekt der '90er Jahre, schließen wir uns diesen Fragestellungen an und suchen nach urbanen Potenzialen, mit besonderem Fokus darauf, wie die Bewohner eines solchen „Randgebietes“ die Qualitäten und Schwächen dieser Zone beschreiben. Schließen sich attraktive Urbanität und Wohnen im suburbanen Raum zwangsläufig aus und wie ist der Erfolg der Projekte gemessen an der Zufriedenheit der Bewohner zu bewerten?

Notes

[1] Learning from IBA 87

[2] Die neue Vorstadt

[3] Interview vom 30.11.2015 mit Bernd Faskel

[4] Interview vom 30.11.2015 mit Bernd Faskel

[5] Learning from IBA 87

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