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Rückblick und Ausblick, Ein Gespräch über die Entstehung des Gensinger Viertels bis heute und darüber hinaus

Während im Austausch mit Herrn Kreins und Herrn Stock vor allem aktuelle Prozesse im Gensinger Viertel thematisiert wurden, spreche ich mit Herrn Radke vom Fachbereich Stadtplanung des Bezirksamts Lichtenberg, ausführlich über den historischen Werdegang des Quartiers - über die Entstehung in den 1970er Jahren, über Projekte nach der Wende und über einige Tendenzen der Gegenwart.

LK: Herr Radke, gibt es Ihrer Meinung nach eine ausreichende Vielfalt und Durchmischung der Nutzungen im Gensinger Viertel?

R: Das ist ein ziemlich homogenes Viertel. Es ist in den 70er Jahren entstanden. Damals wurde dort die gegliederte und aufgelockerte Stadt mit den großen Zeilen errichtet. Man achtete auf die Grünversorgung und hatte eine funktionale Trennung. Es gab den zentralen Bereich, das Wohngebietszentrum mit der Kaufhalle, einer großen Gaststätte und dem Dienstleistungswürfel. Ansonsten waren die Wohnhäuser homogen, dort wurde ausschließlich gewohnt.

LK: Würden Sie sagen, dass die Bewohner dort gerne leben?

R: Zu DDR-Zeiten war das eine bevorzugte Wohnlage. Man hat da vorwiegend staatsnahe Schichten angesiedelt. Hier gegenüber war die Stasi-Bezirksdirektion Berlin und einige der Bewohner werden zum Arbeiten nur über die Straße gegangen sein. Ansonsten war das wahrscheinlich wie ein Lotto-Gewinn so eine Komfort-Wohnung zu bekommen. Viele wohnen heute noch da und ich denke die Zugezogenen haben sich damit abgefunden, dass sie vielleicht ein bisschen abgehängt sind. Das Viertel ist durch die Bahnanlagen und die Hauptverkehrsstraßen Alt-Friedrichsfelde und Rhinstraße umschlossen. Da ist keine Anbindung zu irgendwelchen anderen Quartieren vorhanden.

LK: Hat sich das Attraktivitätspotential seit DDR-Zeiten verändert?

R: Auf jeden Fall. Das ist nicht mehr so ein tolles Wohngebiet, auf das die Leute stolz sind, dass sie dort wohnen oder vielleicht eine besser ausgestattete Kaufhalle haben. Heute ist es einfach eine Schlafstadt. Also da schläft man, übernachtet, wohnt und kann seine Kinder in die Kindertagesstätte oder in die Grundschule bringen. Es gibt noch die soziale Einrichtung des Trägervereins Albert-Schweizer-Kinderdorf, eine Kindertagesstätte mit Begegnungsstätte und Kieztreff. Aber ansonsten ist da nicht viel los. Es gibt da keine weiteren Aktivitäten.

LK: Gab es Entwicklungen, die versucht haben dem entgegen zu wirken?

R: In dem Begegnungszentrum, des Albert-Schweizer-Kinder-Dorfes in der Gensinger Straße 58, ist eine Kindertagesstätte und ein Familienzentrum entstanden. Soweit ich mich, erinnere hat der Trägerverein für die Renovierung der Räume eine Förderung aus dem Stadtumbau Ost erhalten. Die Jugendfreizeitstätte ist in das Haus der zwei Türen, welches auch mit Fördergeldern aus dem Stadtumbau Ost entstanden ist, umgezogen. Die waren ursprünglich im Dienstleistungswürfel im Zentrum (Alt-Friedrichsfelde 70), wo sie nicht bleiben konnten, weil das Gebäude marode war. Außerdem ist die Jugendorganisation, die Falken, welche in einem ehemaligen Sportfunktionsgebäude (Gensinger Straße 101) untergebracht war, das auch vor sich hin gammelte, ebenfalls dorthin gezogen.

LK: Gibt es derzeit konkrete laufende Veränderungen?

R: Es gibt zwei Neubauprojekte. Zum Einen das Projekt Kalinka, wo auf dem Gelände des ehemaligen Wohngebietszentrums Alt-Friedrichsfelde 69 – 71 nun 75 Reihenhäuser gebaut werden sollen und zum Anderen das Projekt von NCC, welches Etagen-Mietwohnungsbau nördlich der Gensinger Straße 103 vorsieht. Hierbei handelt es sich um 223 Wohnungen. Das Grundstück wurde damals nicht bebaut, weil es ungeklärte Eigentumsverhältnisse gab. Das Gelände gehörte der Preußischen Eisenbahn und es gab verschiedene Ansprüche auf das Grundeigentum von der Bundesrepublik Deutschland als vermeintlichen Rechtsnachfolger des Staates Preußen, von Berlin Brandenburg auch als Rechtsnachfolger von Preußen und von der Deutschen Bahn als Rechtsnachfolger der Bahnanlagen. Es hat lange gedauert bis das Grundstück schließlich der Bahn zugeordnet wurde. Die hat es an NCC verkauft und die haben dann dieses Projekt ins Leben gerufen. Die begonnen „Ringe“ aus den 1990er Jahren sollen weiter fortgesetzt und, so wie es der ehemalige städtebauliche Entwurf vorsieht, bis zur Gensinger Straße geführt werden. Es wird seitlich der Gebäude Stellplätze für die Bewohner geben, die Straßen werden aber nicht durchgebunden.

LK: Und der Neubau fügt sich an die Typologie der Reihenhäuser an?

R: Es sieht ein bisschen anders aus. Es ist eine andere Zeit. Das Gebäude ist tiefer, aber vom Großen und Ganzen schließt es an den Bestand an.

LK: Die Nutzung beschränkt sich auf reines Wohnen?

R: Ja, nur Wohnen.

LK: Ist im Gensinger Viertel über das Wohnen hinaus etwas nötig?

R: Die Versorgung wäre schon besser, wenn es einen kleinen, wohnungsnahen Laden gäbe. Einen Nahversorger, Kiezladen oder Nahkauf. Wir haben (HIT Deutschland, Anm. d. Red.) angeboten, einen Teil der Fläche für einen solchen Laden zu verwenden, doch die wollten nur Wohnhäuser bauen. Die hatten kein Interesse an Gewerbebauten. Wir haben ganz viele Gewerbeflächen im Erdgeschoss des Hochhauses, welches 1996 gebaut wurde (Friedrichsfelder Viertel Anm. d. Red.). Da ist eine Post-Verteil-Station, ein Kiosk und Weiteres eingezogen. Da war eine Art Marktplatz geplant. Der hat auch ein paar Jahre existiert, doch dann sind alle Läden ausgezogen, weil einfach die Konkurrenz an anderer Stelle zu groß war. Im Hochhaus Am Mühlenberg Rhinstraße 2/4 haben wir dem Umbau im Erdgeschoss zu einer Gaststätte zugestimmt. Es kommt da aber einfach nichts rein. Es wagt keiner was. Wir haben nahe der Wohnanlage Hohenschönhauser Weg/ Seddiner Straße Läden, aber es werden immer weniger. Da ist beispielsweise ein Bäcker ausgezogen und es kam keiner mehr nach. Es gibt dort roße Ladenleerstände. Ein weiteres Beispiel ist das Geschäftshaus an der Seddiner Straße 8, wo die Post ausgezogen ist. Auch dort stehen viele Gewerbeflächen leer.

LK: An was liegt das?

R: Die Gegend ist nicht sehr attraktiv, denn es verkehren dort lediglich die Anwohner und einfach zu wenig Laufkundschaft. Es ist für niemanden von außerhalb interessant.

LK: Ist noch ein weiteres, spezielles Defizit im Gensinger Viertel vorhanden?

R: Es existieren keine kulturellen Einrichtungen, kein Kino, kein Theater, keine Spielstätte. Es gibt gar nichts um die kulturellen Bedürfnisse zu befriedigen. Aber das kriegen wir da natürlich nicht hin. Wenn schon Läden nicht funktionieren, wie sollen dann kulturelle Angebote laufen.

LK: Denken Sie, das wird von den Bewohnern verlangt?

R: Wahrscheinlich nicht. Dass so etwas kommt, erwartet keiner. Das ist doch zu unwahrscheinlich.

LK: Vielen Dank für das Gespräch!

R: Bitteschön!

Das Interview wurde am 15.12.2015 im Bezirksamt Lichtenberg von Berlin, Abt. Stadtentwicklung, Stadtentwicklungsamt geführt.

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