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Interview mit Paul Stock über die Entwicklungen im Gensinger Viertel

Im Gespräch mit dem Sozialarbeiter Paul Stock werden Aspekte, welche auch aus Sicht der Stadtentwicklung interessant sind, besonders deutlich. Hierzu gehören die starke Nutzungsbegrenzung auf das Wohnen und die damit verbundenen Konsequenzen für Kinder, Jugendliche und Senioren, die räumliche Isolation des Quartiers und die Herausforderung, verschiedene sozialen Schichten im Gensinger Viertel zu vereinen.

Mit der einleitenden Frage über die Nutzungsvielfalt im Gensinger Viertel tauche ich mit Paul Stock in einen intensiven Dialog zu den Entwicklungen im Quartier ein.

LK: Herr Stock, gibt es im Gensinger Viertel Nutzungen über das Wohnen hinaus?

PS: Die Frage ist schwierig mit Ja oder Nein zu beantworten. Ich denke, dass hier seit Jahren versucht wird, etwas Neues entstehen zu lassen, denke aber, dass das Wohnen im Mittelpunkt steht. (…) Vor vier Jahren wurde hier ein neues Haus erbaut, das Haus der zwei Türen. Das ist eine Kinderfreizeiteinrichtung, die Falkenburg und wir, die Jugendfreizeiteinrichtung Orange Flip. Ich denke das ist ein sehr wichtiges Bauprojekt, weil man Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten gibt, von der Straße wegzukommen (...)

LK: Wird darüber hinaus zur Zeit im sozialen Bereich etwas geplant oder gebaut?

PS: Nein, gar nichts.

LK: Oder in absehbarer Zukunft? Wissen Sie, ob es Ideen oder Initiativen gibt?

PS: Nein, aber man hofft, dass etwas weiter entwickelt wird. Es war eine jahrelange Überlegung was hier (auf der Kalinka-Fläche Anm. d. Red.) entstehen soll, ob nicht ein Center und so... das hat alles nicht geklappt. Die Rentner wollten ein Restaurant dort haben. Das wurde auch abgelehnt. Und jetzt ist am Ende wieder ein Wohnprojekt entstanden...

LK: Das heißt, Sie würden sagen, dass es noch Defizite gibt?

PS: Definitiv, also zum Beispiel dieser Sportplatz, der hier gleich nebenan ist. Auch die Turnhalle ist seit Jahren, Jahrzehnten nicht richtig renoviert worden. Der Sportplatz hat abends keine Laternen, die Kinder und Jugendlichen spielen im Dunkeln. Da kann man definitiv viel mehr machen.

Obwohl es schon Verbesserungen gab, ist offensichtlich, dass das Soziale eine besondere Urbane Ressource darstellt. Die Sanierung des Sportplatzes wäre eine relativ einfache und günstige Investition. Allerdings könnten ein Café oder ein Restaurant, welche zu einem urbanen Gefühl beitragen würden auch Probleme mit sich bringen.

LK: Sollte und kann in Einzelhandel, Gastronomie und Gewerbe investiert werden?

PS: Da vorne am Bahnhof hat man einen Kaiser's, einen Penny und einen Netto. Es ist alles fußläufig zu erreichen. Am Ende ist die Frage, ob man hier noch ein großes Einkaufscenter hinsetzen müsste, da man eigentlich alles hat. Auch, was ich so weiß, fahren die meisten hier ins Eastgate, nach Marzahn. Und dann ist da alles.

LK: Heißt das, dass die Anwohner ein Café oder ein Restaurant gar nicht unbedingt vermissen, wenn sie für so etwas den Kiez verlassen?

PS: Die älteren Leute schon. Für die jungen Leute hoffe ich, dass dies eigentlich nicht passiert, denn sonst kommen sie gar nicht mehr raus. Dann bleiben sie komplett in diesem Kiez. Warum sollen sie den Kiez verlassen, wenn sie alles haben? So können sie mal zum Alexanderplatz fahren, dann haben sie endlich mal den Alex gesehen. Oder nach Marzahn, dann haben sie einen anderen Bezirk gesehen. Ich denke, dass es für ältere Leute wichtig ist, aber für die jungen Menschen auch ein Problem werden könnte.

Die Isolation des Quartiers stellt nach Paul Stocks Meinung ein Problem dar:

PS: (…) Man merkt es auch bei den Kindern und Jugendlichen. Viele, die auf der anderen Seite der B1 oder der Rhinstraße wohnen, kommen hier gar nicht rüber, weil die große Straße da ist. Das finde ich wirklich schwierig. Da hätte man mehr Möglichkeiten schaffen müssen. Es gibt natürlich mehrere Ampeln dort, aber viele Eltern sagen, nein du gehst bitte nicht weiter. Ich denke auch, dass diese Eltern hier gar nicht rüber kommen. Umgedreht genauso. Die bleiben alle, wie auch die Kids, im Gensinger Kiez und weiter kommen sie gar nicht. Viel mehr kennen sie von Berlin nicht.

LK: Wie würden Sie die Auswirkungen beschreiben?

PS: Die Auswirkungen sind, dass sie in dem Sinne gar nicht über ihre Bettkante hinaus schauen, was es noch alles gibt.

Somit ist die Bebauung der freien Flächen "Kalinka" und "Gensinger Straße 105" nicht unbedingt eine schlechte Entwicklung, denn sie kann das Gebiet stärken.

PS: Ich denke durch dieses Projekt (Neubebauung der Kalinka-Fläche Anm. d. Red.) wird eine Durchmischung statt finden. Sonst ist das hier ein sozial schwaches Gebiet. Hier wohnen doch viele Familien, die von Hartz IV Bezügen leben und die Armutsgrenze scheint hier schon ziemlich niedrig zu sein.

LK: Können Sie das abschätzen? In welche Richtung das geht? Also was für ein Prozentsatz ungefähr?

PS: Ich denke, dass hier mehr als 50 Prozent sozialschwache Menschen leben. Oder Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, wie Andere. Aber durch dieses Projekt, das dort entsteht, ob ich es gut finde, oder nicht, denke ich, dass vielleicht eine Durchmischung entstehen wird.

LK: Wissen Sie, ob die Bewohner hier im Viertel gerne leben?

PS: Ich denke ja. Also es gibt ja auch viele Rentner hier, die sich hier sehr wohl fühlen, die über 30, 40 Jahre hier wohnen und ihre Wohnung als Wohnung sehen. Und die ziehen auch nicht weg.

LK: Gibt es derzeit konkrete, laufende Veränderungen?

PS: Ja definitiv das Bauprojekt. Das kommt bei den Kindern auch an. Also ich werde einfach mal so einen Satz sagen, der die Kinder beschäftigt: Hier wohnen bald die Reichen. Daran muss man auch wirklich arbeiten, dass man den Kids erklärt, dass man hier eigentlich nicht Arm und Reich haben will, sondern dass es eine Durchmischung geben soll. Das beschäftigt die Kinder schon.

Abschließend frage ich Paul Stock nach seinem persönlichen Wunsch für das Gensinger Viertel. Die Antwort fasst seine Anliegen treffend zusammen.

PS: Mein Wunsch ist, dass das Gebiet weiter so macht. Dass es anfängt zu leben. Es gibt ja viel Grün. Die B1 ist ein großes Problem. Es ist sehr laut. Von der Umwelt möchte ich gar nicht anfangen. Wie viele Abgase hier ankommen. Ich hoffe, dass dieser Kiez weiter lebt und dass vielleicht auch Leute, die im beruflichen Werdegang höher gestellt sind hier her ziehen. Das ist ja kein schlechter Kiez.

Das Interview wurde am 02.12.2015 in der Jugendeinrichtung Orange Flip im Haus der zwei Türen, Gensinger Straße 56A, 10315 Berlin Lichtenberg, geführt. Internetpräsenz von Orange Flip: http://www.orange-flip.de

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