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U-Lab Weblog

Umnutzung des Flusshafens Bassin d’Austerlitz in Strasbourg zum vielfältigen Stadtquartier

Der ehemalige Seegmüller Speicher wurde zur Grande Bibliothèque

Das Bassin d’Austerlitz ist ein ehemaliges Hafenareal am Rhein im französischen Strasbourg, das schon Angèle Launay in ihrem Beitrag "Pantin, ein Vorort im Nord-Osten von Paris am Canal de l’ Ourqc" erwähnt hat, und ich während eines Stadtbesuchs 2009 angeschaut habe. Hier an einem Seitenarm des Flusses, der in die Stadt bis nahe ans Zentrum hineinragt, standen bis vor wenigen Jahren große Getreidesilos und Speichergebäude. Nach der Schließung des Hafens lagen die Flächen und Gebäude brach. Das Areal bildet einen Korridor zwischen Innenstadt und Rhein, wo 2004 die neue, symbolträchtige Fußgängerbrücke „Passerelle des deux Rives“ eröffnet wurde, welche seither die deutsche Stadt Kehl mit Strasbourg verbindet. An beiden Uferseiten fand damals auch eine binationale Landesgartenschau statt, deren Anlagen heute eine weitläufige Parklandschaft bilden und beide Städte näher zusammen sowie an den Fluss gerückt haben. Das Bassin d’ Austerlitz ist hier ein Idealer Trittstein um die Anbindung des Strasbourger Zentrums an den Rhein zu vollenden. Um dieses Potential zu nutzen und das Areal wiederzubeleben, wurde nun damit begonnen das Hafenbecken und die angrenzenden Flächen umzugestalten sowie neue Nutzungen unterzubringen. Anstatt, wie häufig bei solchen Projekten, sind nicht nur Bürokomplexe entstanden, sondern ein ausgewogen gemischt genutztes Quartier.

Großer offener Platz als Entree zum Quartier

Bei meinem Besuch konnte ich wahrnehmen, dass Lebendigkeit in den Raum um das Bassin d’ Austerlitz eingezogen ist. Auch im November, abends nach Einbruch der Dunkelheit, waren noch viele Menschen unterwegs am Wasser, ob zum Einkaufen, dem Gang zur Bibliothek oder einfach nur um die Stimmung zu genießen. Die neu gestalteten Kaianlagen sind gesäumt von umgenutzten Bestandsgebäuden, wie dem ehemaligen Seegmüller Speicher, der zur Grande Bibliothèque umgebaut wurde, sowie gemischt genutzter Neubebauung mit einem Einkaufszentrum im Erd- und Untergeschoss sowie Wohnen und Büros in den oberen Etagen. Ein großes Kino ist ein weiterer Anziehungspunkt. Am Kopf des Hafenbeckens liegt das neue Konservatorium das gemeinsam mit der Bibliothek als kulturelle Orte mit prägnanter Architektur die Solitäre des Quartiers bilden. Das identitätsstiftende Zentrum des Areals allerdings, sind das Hafenbecken und die mit einem aufwendigen Beleuchtungskonzept gestalteten Freiräume, welche durch die Bebbauung umspielt und gefasst werden. Die noch freien Baufelder wurden temporär mit großen Flächen aus Schilf und Gräsern gestaltet, in denen Fragmente abgerissener Gebäude sichtbar sind. Ich finde das eine gelungene Geste, die den Charakter des Wandels und des „unfertigen“ unterstreicht.

Fragmente abgerissener Gebäude inszeniert durch Gräser- und Schilfflächen

Das Beispiel aus Strasbourg kann Vorbildcharakter für die Obere Stadtspree in Berlin haben. Hier wurde gezeigt, wie mit heterogener Bebauung und gemischter Nutzung, ein ehemaliges Hafenareal belebt und in die Wahrnehmung der Menschen einer Stadt gerückt werden kann. Durch Anziehungspunkte wie Bibliothek, Konservatorium aber auch Einkaufszentrum und Kino, ergänzt durch Wohnen und Büros, wurde ein stark öffentlicher Charakter mit Anziehungskraft erzeugt. Zusätzlich belebt wird das Areal aber auch dadurch, dass es keinen Endpunkt bildet, sondern ein Trittstein für die weitere Verbindung zum Park am Rhein und nach Deutschland ist.

Hafenbecken und lineare Freiräume bilden das Zentrum des Areals

Zugang zur Bibliothek

Gemischt genutzte Bebauung mit Einkaufszentrum, Wohnen und Büros

Passerellen überspannen die Hafenbecken und erschließen die Räume

Industrielle Relikte zeugen von der Vergangenheit

Ein Beleuchtungskonzept erleichtert die Orientierung bei Nacht

Kommentare

1. Am Montag, 7 Dezember, 2015, 19:25 von Ulrich Pappenberger

Das Bassin d’Austerlitz sehe ich ebenfalls als ein gelungenes Beispiel für die Umnutzung ehemaliger Industrieanlagen. Die Eigenheiten des ehemaligen Hafenareals wurden hier in eine städtebauliche und architektonische Sprache übersetzt, wobei die Mischung aus großen und kleinen Elementen, temporärer (Kino) und dauerhafter (Wohnen, Bibliothek) Aktionen sehr dem ehemaligen Treiben in diesem Bereich ähnelt. Zeichnet es einen Hafen doch aus, dass er aus variablen (Container) und festen (Pier, Terminal) Komponenten besteht, die ihn täglich neu beleben.
Zudem verbindet der Hafen die Stadt zwar nicht mehr mit der Welt, sondern wird mit der unmittelbar angrenzenden Stadt zum wertvollen urbanen Verbindungselement Strasbourgs.
Es lohnt sich, auf den \"Geist des Ortes\" einzugehen und ihn zeitgemäß zu übersetzen!

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