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Rudolfkiez – Eine Insel inmitten der Stadt

Rudolfplatz

Im Berliner Bezirk Friedrichhain liegt, eingebettet zwischen Stadtbahn, S-Bahnring und Spree, der Rudolfkiez. Durch die Bahnhöfe Ostkreuz und Warschauer Straße sowie über die Stralauer Allee ist der Kiez hervorragend an die Innenstadtbereiche Berlins angeschlossen. Jedoch stellen eben diese Infrastruktursysteme auch eine Barriere dar, welche den Kiez räumlich wie auch funktional von seiner Umgebung abschneidet. In seiner Bebauung ist der Kiez stark von der Industrialisierung geprägt. Die „Osram-Werke“ in der heutigen Oberbaumcity und der benachbarte Osthafen bildeten über Jahrzehnte hinweg den Lebensmittelpunkt der hier ansässigen Bewohner. Diese arbeiteten bis zu dessen Schließung nach der deutschen Wiedervereinigung zu großen Teilen in dem Werk.

Die direkte Nähe zwischen Arbeiten und Wohnen ist in dem Kiez heute weitestgehend verloren gegangen. Zwar lebt noch heute ein Großteil der ehemaligen Werksbeschäftigten im Kiez, jedoch sind diese inzwischen zumeist in Rente, oder arbeiten in einem anderen Teil Berlins. Die heutige Oberbaumcity beherbergt zahlreiche kleine und mittelgroße Büros aus den verschiedensten Professionen. Jedoch wohnt nur eine geringe Anzahl der dort beschäftigten in der angrenzenden Nachbarschaft. Durch die Ausrichtung auf eine reine Büronutzung wirkt die Oberbaumcity heutzutage nach 18Uhr und an den Wochenenden wie ausgestorben und liegt wie ein leerer Fremdkörper im Kiez.

Private und öffentliche Freiräume im Rudolfkiez

"Autobahn" Stralauer Allee

"Autobahn" Stralauer Allee

Von den Bewohnern des Kiezes wird ihre Nachbarschaft auch gern als ein Dorf inmitten der Großstadt bezeichnet. Gemeint wird hiermit allerdings nicht nur die Ruhe und der beschauliche Anblick der überwiegend sanierten Gründerzeitbauten. Vielmehr bezieht sich diese Beschreibung auf die sozialen Netze der Bewohner, welche bis heute stark nachbarschaftlich geprägt und eng miteinander verbunden sind. Das Zentrum des sozialen Lebens bildet das „RuDi – Nachbarschaftszentrum e.V.“ Kulturelle Aktivitäten wie etwa Vorträge, Filmvorführungen und Diskussionsrunden finden hier genauso statt wie verschiedenen Kurse sowie Rechts- und Sozialberatungen. Für Kinder und Jugendliche bilden die Kindereinrichtung „Die Nische“ und der Jugendclub „e-Lok“ einen Anlaufpunkt für die Nachmittags- und Freizeitgestaltung. Hinzu kommt der „Kulturraum Zwinglikirche e.V.“, welcher in der Zwinglikirche Ausstellungen, Lesungen und Konzerte veranstaltet.

Fragt man die Bewohner oder die Akteure des Kiezes welche Rolle der Osthafen und die Spree für sie spielen, so sind diese zunächst oft irritiert. Durch die reine Nutzung als Hafenanlage und durch seine direkte Nähe zur innerdeutschen Grenze war dies immer ein Ort, den die Bewohner nie betreten haben. Nach der Wiedervereinigung wurden Teile des Hafens als Schrottplatz genutzt oder wurden zu Büro- und Hotelstandorten umgebaut. Für die Bewohner spielte dieser Ort also auch in den vergangenen zwei Dekaden keine nennenswerte Rolle. Durch seinen schäbigen Charakter, der durch Parkplätze und brüchige Betonplatten gebildet wird, war das Spreeufer für die Bewohner auch nie als ein Ort für Freizeit und Erholung interessant. Da es im neuen Osthafen keine für sie interessanten Nutzungen gibt, fehlt ihnen auch der Anreiz, hin und wieder an diesen Teil der Spree zu gehen. Hinzu kommt die erhebliche Trennwirkung der Stralauer Alle, welche von den Bewohnern auch gern als „Autobahn“ bezeichnet wird und nur an wenigen Stellen sicher überquert werden kann. Hohe Ladenleerstände, der schlechte Zustand der Gehwege, eine nicht vorhandenen Gestaltung des öffentlichen Raumes sind weitere Gründe, die diese Straße für die Bewohner zum Un-Ort werden lassen.

Leerstand Stralauer Allee

Osthafen

Osthafen

Osthafen

Vor wenigen Jahren hat der Kiez begonnen, sich merklich zu verändern. Sichtbar wird dies an den nahezu komplett sanierten Fassaden der Gründerzeitbebauung. Auch im sozialen Gefüge sind diese Veränderungen bereits spürbar. Die steigenden Mieten beginnen sozial schwächere Familien aus ihrer Nachbarschaft in die Randbezirke zu verdrängen. Hinzu ziehen besser verdienende Familien und Studenten. Diese neuen Bewohnergruppen sind jedoch nach Aussage von lokalen Gesprächspartnern nur bedingt gewillt, sich in die bestehende lokale Gemeinschaft zu integrieren.

Bei der Frage nach dem Zentrum des Kiezes spielt der Rudolfplatz eine große Rolle. Denn dieser bildet nicht nur das räumliche, sondern mit seinen angelagerten sozialen und kulturellen Einrichtungen sowie den kleinen Cafés auch den sozialen Mittelpunkt des Kiezes. Jedoch fehlt es laut einiger lokaler Akteure an einem Ort, an dem alle Bewohnergruppen zusammenkommen können und der so einen gemeinsamen Mittelpunkt des sozialen Lebens bilden könnte. Dies könnte natürlich eine räumliche Intervention direkt auf dem Rudolfplatz sein. Jedoch bieten gerade die brachliegenden Flächen im Osthafen die Möglichkeit einen Ort an der Spree zu schaffen, welcher von den Kiezbewohnern genutzt und betrieben werden kann. Eine solche Maßnahme würde nicht nur dem erheblichen Freiraumdefizit im Kiez entgegenwirken, sondern könnte den Osthafen in besonderem Maße mit seiner Nachbarschaft verbinden, ohne dabei finanzielle Interessen von Investoren zu beschneiden. Hierfür bedarf es allerdings nicht nur ein Bewusstsein bei den Bewohnern, sondern auch beim Senat, dem Bezirk und der landeseigenen BEHALA zu schaffen. Dies könnte ein erster Schritt sein, einen Prozess zu beginnen, der die vorhandenen Mediaspree-Planungen mit den Interessen und Bedürfnissen der lokalen Nachbarschaften verbindet.

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