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La batte - Ein ephemeres Konsumereignis schafft die Identität des Ortes

Lüttich 1968, eine belgische Stadt die in seinen formalen Ausprägungen maßgeblich aus der Zeit des Kohleabbau und der Stahlproduktion hervorgeht, wird weit über seine Stadtgrenzen hinaus zum Wochenendziel von Shoppingtouristen. Die damals neu erschlossene Marktkultur wird zum Zukunftsfaktor für Lüttich, dass in der Stahlkrise einem absehbaren Ende des Tagebauwesens entgegensieht.

Anfangs bietet der Flohmarkt, der sich heute über 3km entlang des Quai de Maastricht erstreckt, vor allem Comicbücher, als auch Nutz- und Haustiere an. Ein Architekt aus Köln, nutzt als einer von Tausenden, die jedes Wochenende „la batte“ aufsuchen, das Angebot. „...in Frankreich sei ein neuer Comic sehr erfolgreich … Ich bin dann mit meinem Freund Wolfram nach Lüttich gefahren, und wir waren überwältigt vom Charakter der ganzen Veranstaltung.“ (Dipl. Arch. Rüdiger Otto, Interview vom 31.1.2013)

Was diese Euphorie beschreibt ist die ephemere Transformierung eines Ortes und die Erschließung eines Nutzers, der idealerweise auf der Suche nach etwas Bestimmten Zeit verbringt, konsumiert und sich als Kunde etabliert. Von Montag bis Samstag ist der Quai de Maastricht in Lüttich kein sozialer, öffentlicher Raum, sondern eine gewöhnliche Autostrasse. „Das ist per Definition der Ort, an dem man nicht sein möchte.“ (Dipl. Arch. Rüdiger Otto, Interview vom 31.1.2013) Aber wie kann es sein, dass ein sonntägliches Ereignis zu einer sich öffnenden, faszinierenden Identität einer ganzen Stadt beiträgt?

Aufschluss auf diese Frage können zwei Texte liefern, die sich beide mit dem Thema Konsum und Identitätsbildung auseinandersetzten. Mark Jayne erkennt in dem Aufsatz „Consumption and the postmodern city“, dass einzig noch der Konsum Motor der Stadtentwicklung ist, die Identität eines Ortes stellt sich einzig mehr durch seine Konsumierbarkeit dar, sei es durch Kultur oder Waren. „On of the central tenets of this conceptualisation of a new global spatial and symbolic urban economy and hierarchy is that the city, which historically was politically, economically, socially and spatially organised around production, is now said to be underpinned by consumption.“ (Mark Jayne, Cities and consumption) Hinzuarbeit zu dieser These gibt es von Maren Krauzick und ihrer Schrift zum Fallbeispiel der Berliner Technoszene „Zwischennutzung als Initiator einer neuen Berliner Identität?“. Darin gelangt sie zu dem Fazit, dass anhand der vielen ineinandergreifenden Umstände, Berlin durch die temporäre Nutzung von Raum zu dem Kern einer kulturellen Szene werden konnte. Im Sinne Jaynes: durch Konsum.

Auch in Lüttich gibt es diese Vielzahl an begünstigenden Umständen für eine solche Entwicklung, hin zu einer Identitätsbildung. Seit seiner Entstehung war der Quai de Maastricht als Anlegestelle für Handelsschiffe und damit Umschlagplatz von Waren konzipiert. Die Nutzung als Flohmarkt steht nicht im Widerspruch zu seiner historischen Funktion. Es bedurfte dadurch auch keinem neuen Planungsansatz, der dieser Kontinuität im Wege stünde. Tatsächlich zeichnet sich der planerische Rahmen auch aus einem Gesetzeserlass, der sich als Duldung von Marktfunktionen generell interpretieren lässt. 1979 – im Zuge der Stahlkrise – wurde es den Belgischen Bürgern gewährt ihren Hausrat auf öffentlichen Plätzen feilzubieten.

Die Uferstraße bietet dem Markt Wachstums- und Schrumpfungsmöglichkeiten ohne ihn seiner Dichte zu berauben. Die temporären Marktstände reihen sich wie bei einer Perlenschnur am Quai auf. Mit Blick auf Amsterdam (Bloemenmarkt), Berlin (türkischer Markt) oder Lyon (z.B. marché aux Bouquinistes) ein Erfolgsmodell für Wochenmärkte aller Art. Was la batte jedoch hervorstechen lässt ist seine Anziehungskraft auf Touristen. Die Innenstadt streift sich sprichwörtlich das farbenfrohe Sonntagsgewand über und verbreitet kurzweilig eine neue Atmosphäre in der ganzen Stadt. In den Straßen kriechen lärmende Autokonvois umher und das bunte Treiben von Kundschaft, Händlern und Bevölkerung um den Quai erreicht gegen Mittag seinen Höhepunkt. Die lokale Gastronomie hat sich diesem Rhythmus angepasst. Am frühen Abend werden in den Cafés die Tanzflächen freigeräumt und das Mobiliar stapelt sich davor auf den Straßen.

Ohne gesellschaftlichen und politischen Widerstand, aber auch dank der hohen Flexibilität einer solchen Nutzung konnte sich der Flohmarkt entwickeln. Für die Einwohner der Stadt ist „la batte“ zu einer festen Instanz geworden. Seit es den Quai de Maastricht gibt, war er mit einer Marktfunktion bespielt. Vom Fischmarkt, über die Krisenmärkte und dem heutigen Event von la batte gibt es in Lüttich stets am Sonntag eine Transformation vom Transit- zum Konsumraum.

Ganz anders erfährt der Tourist diesen Raum, der ansonsten nicht als solcher wahrnehmbar wäre. Er ist Teilnehmer einer einzigartigen, weil temporären, Situation, sich dessen aber nicht zwangsweise bewusst. Aus der rezeptiven Betrachtung entsteht und lebt in seinem Gedächtnis das Gesicht eines Ortes, der allein als ephemeres Ereignis existiert.

Für die Identität, die tatsächlich am Ort geschaffen wird, ist ein Zusammenspiel von Tradition, Zeit und am Wichtigsten: Menschen maßgebend. Denn die Situation entsteht durch ihn. Der Mensch, das schwarmartige Treiben, Geräusche, Gerüche und der Augenblick formen das, was in den Köpfen verweilt, im Moment seiner Entstehung aber schon wieder beginnt aufzuhören zu existieren. Nichts Greifbares, aber doch eindrucksvoll und erfahrbar. Eben das was wir Erinnerung nennen, was beispielsweise ein Foto in uns auslösen mag.

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