Sign In

Zum Inhalt Zum Menü Zur Suche

U-Lab Weblog

Ephemere Strukturen – ein Flüchtigkeitsfehler in der Stadtentwicklung?

Diagramm „Prozessverlauf ephemerer Strukturen“

Temporären Nutzungen, Zwischennutzungen, Interventionen im öffentlichen Raum kurz ephemeren Strukturen haftet immer etwas Anarchistisches und Unplanbares an. Ein wenig klingt das alles nach einer Art Provisorium, wenn nicht gar nach Spekulation auf eine irgendwann einmal Einzug haltende vermeintlich bessere Zukunft, für die man sich Handlungsoptionen offen halten muss, aber so lange kann man ja mal.., ja was?...zwischennutzen.

... wir haben ... im Wald Pflanzen geholt und bei den Häusern eingepflanzt, um wilde Gärten entstehen zu lassen. ... Im Sommer musste jemand den Pflanzen Wasser geben. Also gingen meine Frau und ich auf die Baustelle, um die Pflanzen zu wässern. Das machte die Nachbarn neugierig. ... Da haben wir ihnen die ganze Geschichte erzählt. Ihnen erschien das auch normal und so haben sie von zuhause andere Pflanzen geholt. Seitdem kamen sie regelmäßig, um die Pflanzen zu gießen. So läuft das!

(Kroll 2003)

Theoretische Überlegungen

Betrachtet man verschiedene Referenzbeispiele ephemerer Strukturen, fällt bei allen Unterschieden auf, dass der Struktur des Ephemeren ein weit verzweigtes und stabiles Netzwerk zugrunde liegt. Das heisst, dass eine ephemere Struktur zwar ein zeitlich begrenzter, doch gleichzeitig vielschichtiger und komplexer Prozess ist, der unterschiedlichste Menschen zum Handeln aktiviert. Es ist Teil einer ephemeren Struktur, dass sich die Rollen der Beteiligten im Laufe des Prozesses verändern. So wird aus dem Initiator, der mit einer Idee begann, vielleicht der Betreiber eines Geschäftsmodells oder aus jemandem, der der Idee des Ephemeren anfangs skeptisch gegenüberstand, wird ein tatkräftiger Unterstützer. Kommt der Prozess in Gang, wird auch ein Mehrwert erzeugt. Je größer der Kreis der Nutzniesser des durch die ephemere Struktur erzeugten Mehrwerts ist, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit seiner Verstetigung. Das muss nicht zwangsläufig am gleichen Ort sein. Die Idee kann sich auch durch Ausbreitung und/oder Nachahmung verstetigen.

In der diagrammatischen Darstellung soll dieser Prozess veranschaulicht werden. Es wird deutlich, wie sich die unterschiedlichen Akteursrollen der Beteiligten verändern und sogar überschneiden können. Ausserdem wird deutlich, inwieweit Ort und Idee zusammenfinden, sich gegenseitig im Prozessverlauf in ihrer Bedeutung beeinflussen und einen Mehrwert für die beteiligten Akteure erzeugen. Auf der zeitlichen Ebene werden die vier Hauptphasen des Prozesses, nachdem Idee und Ort einander gefunden haben, erkennbar – von der Vorbereitung über die Durchführung und der Entfaltung des Mehrwerts bis zur Verflüchtigung. In diesen Phasen gibt es eindeutig zu erfüllende Aufgaben, um den Prozess erfolgreich zu steuern. Das Besondere an einer ephemeren Struktur ist, dass in dem Moment, wenn die Mehrwertsentfaltung ihren Klimax erreicht, die Struktur nicht mehr ephemer ist. Sie nimmt eine andere Form an. Entweder sie verschwindet oder sie verstetigt sich. Es ist Teil des Prozesses, dass die beteiligten Akteure die Zukunftsentscheidung über die Struktur treffen müssen.

Interview

Um diese theoretischen Überlegungen zu stützen, habe ich Thomas Hauck von Club Real zu ephemeren Strukturen befragt. Club Real ist ein Künstlerkollektiv, dass an verschiedenen Orten temporär und erfolgreich interveniert hat und entsprechend viel praktische Erfahrung zu ephemeren Strukturen gesammelt hat. Über das Entstehen ephemerer Strukturen

AK: Was sind die idealen Voraussetzungen für das Zustandekommen einer ephemeren Struktur?
TH: Ein interessanter Ort, Baumaterial (bzw. Geld), eine gute Nutzungsidee und die Unterstützung der „Locals“
AK: Welche räumlichen Bedingungen müssen für das Zustandekommen einer ephemeren Struktur erfüllt sein?
TH: Zugänglichkeit oder zumindest Sichtbarkeit.
AK: Lässt sich eine ephemere Struktur als Prozess verstehen?
TH: Wenn man eine Struktur als etwas Dynamisches interpretiert – ja.
AK: Welcher Teil der Planung/Ausführung einer ephemeren Struktur macht am meisten Spaß und welcher am meisten Arbeit?
TH: Ideenfindung/Gestaltung; am aufwendigsten ist das Bauen (d.h. das Zusammenfügen etc. ohne Vorbereitung, Materialbeschaffung, etc.)

Über die Rolle des Initiators einer ephemeren Struktur

AK: Wie verändert sich die Rolle des Initiators im Laufe des Durchführungsprozesses - funktional als auch emotional?
TH: Er wird vom Planer/Entwerfer zum Bauarbeiter zum Nutzer zum Entsorger.
AK: Welche Unterstützung braucht der Initiator und von wem?
TH: Verschieden; wichtig sind die Anwohner.
AK: Wie wichtig ist der Flächeneigentümer für das Zustandekommen einer ephemeren Struktur?
TH: Wenn sehr temporär dann nicht wichtig, bei längerem Zeitraum sehr wichtig.
AK: Wie verändert sich die Haltung des Initiators als auch des Flächeneigentümers im Prozessverlauf gegenüber der ephemeren Struktur?
TH: Initiator: vom Bauherren zum Nutzer Flächeneigentümer: verschieden; meistens nimmt die Toleranz zu.
AK: Für wen initiieren Sie ephemere Strukturen?
TH: Hängt von der Nutzungsidee ab; aber Kunstpublikum/-rezipienten immer mitgedacht

Über das was bleibt

AK: Was ist der Nutzen einer ephemeren Struktur für die Stadt/das Quartier?
TH: Hängt von der Nutzungsidee ab; aber sie sorgt auf alle Fälle für Abwechslung; sie kann sogar temporär ein zentraler Ort fürs Quartier werden.
AK: Wieviel Möglichkeitsraum für die Anwohner und wieviel Adressbildung für den Eigentümer steckt in einer ephemeren Struktur?
TH: Für Anwohner kann das viel sein. Adressbildung bei unseren Projekten eher marginal.
AK: Lässt sich dieses Verhältnis vom Initiator steuern?
TH: Ja.
AK: Können ephemere Strukturen zur Identität eines Raumes beitragen und wenn ja, wodurch?
TH: Was ist Identität eines Raumes? Im Sinne von Einzigartigkeit/Besonderheit/Interessantheit viel, weil eine ephemere Struktur einen Raum eben einzigartig usw. machen kann. Wodurch?- einfach durch eine gute Nutzungs- und Gestaltungsidee.
AK: Welche Ihrer initiierten ephemeren Strukturen hatte den größten Impact für Sie bzw. die Stadt?
TH: Der Berg (gemeint ist Der Berg im Palast der Republik, Teil des Projekts VOLKSPALAST - eine Produktion von Sophiensaele und HAU in Kooperation mit raumlabor berlin und club real, Anm. d. A.)
AK: Verstehen Sie Ihre Interventionen im öffentlichen Raum als eine Form von Stadtentwicklung oder steht der künstlerische Aspekt im Vordergrund?
TH: Beides, aber der künstlerische Aspekt steht im Vordergrund

Fazit

Ephemere Strukturen sind, selbst wenn sie nicht der gängigen Form entsprechen, kein Flüchtigkeitsfehler oder Zufall in der Stadtentwicklung, sondern sie sind gut vorbereitete und auf einem stabilen Netzwerk fussende Strukturen, die die Wahrnehmung und die Benutzbarkeit von Stadt für Momente verändern. Damit sind sie sogar ein wichtiger Baustein für Veränderung und Entwicklung von Stadt.

Zitatquelle: Kroll, Lucien (2003): Homöopathische Architektur und tierischer Städtebau. Die Selbstverständlichkeit der Nutzermitbestimmung, in : Hier entsteht. Strategien partizipativer Architektur und räumlicher Aneignung, S. 201 f.

Abbildungsnachweis: Abb.1: Diagramm „Prozessverlauf ephemerer Strukturen“ ©2012 Andreas Kurths

Das Interview mit Thomas Hauck wurde im Januar 2013 per E-Mail geführt.

Kommentar eintragen

HTML-Code wird als normaler Text angezeigt, Links und Email-Adressen werden automatisch umgewandelt.

Folgende haben zum gleichen Thema veröffentlicht

Trackback-URL: http://ulab.architektur.tu-berlin.de/weblog/index.php?trackback/36

Die Kommentare dieses Eintrags als Atom-Feed abonnieren