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Baden an der "Kot" d’Azur

Badeschiff Berlin für den Winterbetrieb umfunktioniert zur Sauna

Es ist Sommer. Die Sonne scheint. Eine leichte Brise macht die Hitze erträglich. In den Hängematten und unter Sonnensegeln dösen sonst gestresste Großstädter vor sich hin. Im Sand des Strandes spielt eine Gruppe junger Männer Frisbee. Beobachtet werden sie dabei von einer Gruppe spanischer Touristinnen, welche sich an der Beachbar positioniert haben und exotische Cocktails zu sich nehmen. Im Schatten der Bar sitzt ein Mann Mitte Dreißig, sein MacBook auf den Knien. Die entspannte Reggae-Beats, die sich von irgendwo her über den Strand legen verstärken die hier vorherrschende relaxte Urlaubsstimmung.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man annehmen, es handle sich hierbei um einen der vielen Beachclubs Südfrankreichs, Spaniens oder der Karibik. Doch wer den Sprung in das kühle, azurblaue Wasser wagt, der blickt nach dem Auftauchen nicht auf ausgedehnte Sandstrände, Palmen und Kreuzfahrtschiffe, sondern findet sich in einer urbanen Landschaft zwischen Brücken, Hafengebäuden, Ausflugsdampfern und Schleppkähnen wieder – mitten in Berlin. Das Badeschiff an der Arena-Berlin zählt seit seiner Eröffnung im Jahr 2004 zu einer der beliebtesten Sommerattraktionen bei Berlinern und Berlinbesuchern. Ein zum schwimmenden Swimmingpool umgebauter Schubleichter bildet den Kopf einer Steganlage und ermöglicht es Badegästen in den Sommermonaten "in der Spree" zu baden und sich im kühlen Wasser zu erfrischen.

Bei der ausgelassenen, entspannten Stimmung scheint es verlockend, das schwimmende Bassin einmal zu verlassen und einen Sprung vom Rand in die Spree zu wagen. Die Folgen eines solchen Bades könnten jedoch einen bitteren Nachgeschmack bei den Spreeschwimmern hinterlassen. Durchfallerkrankungen und Übelkeit sind nach einem Bad in der Spree quasi vorprogramiert. Der Grund hierfür: die Wasserqualität.

Die Ursache für die aktuelle Wasserverschmutzung ist in der Berliner Kanalisation zu suchen. Fäkalien, Abwässer und anderer Schmutz aus dem Berliner Mischwassersystem verunreinigen seit ihrem Bau mehrmals im Jahr die Stadtspree. Ca. 30 mal im Jahr kommt es in Berlin zu starken Regenfällen, welche die Kanalisation nicht mehr aufnehmen kann. Um sie zu entlasten, werden die Abwässer in die Spree eingeleitet, wo sie das Flusswasser bakteriologisch verunreinigen. Laut des aktuellen Saprobienindex erreicht die Stadtspree auf einer Skala von I bis IV lediglich die Gewässergüte III. Zwar ist dies auch zu einem nicht unwesentlichen Teil auf den Zusammenfluss mit der stark Phosphorbelasteten Dahme zurückzuführen, jedoch sind rund 30% der jährlichen bakteriologischen Belastung auf die Einleitung von Abwässern aus der Mischwasserkanalisation innerhalb der Berliner S-Bahnrings begründet.

Kann dieser Zustand behoben werden? Der Umbau der Berliner Kanalisation zu einem Trennwassersystem scheint aufgrund seiner Größe und Komplexität und den damit verbundenen Kosten nahezu utopisch. Doch gibt es nicht auch kleinmaßstäbliche Sofortmaßnahmen, die einer zeitnahen Verbesserung der Wasserqualität beitragen könnten? Dieser Frage widmet sich seit dem Jahr 2001 die Initiative SPREE2011 unter der Leitung des Landschaftsarchitekten Ralf Steeg.

Das Konzept ist denkbar einfach: Wenn die Einleitung von Abwässern nicht durch einen Umbau der Kanalisation gestoppt werden kann, müssen die Abwässer eben aufgefangen werden. Hierzu entwickelte SPREE2011 ein System aus Tanks, die an den Einlassstellen in der Spree installiert werden. Das überlaufende Abwasser wird in ihnen zwischengespeichert und in die Kanalisation zurück gepumpt, sobald diese wieder aufnahmefähig ist. Desweiteren werden aus den Abwasserrohren austretende Faulgase in der Anlage gefiltert und als saubere Luft an die Umwelt abgegeben. Diese schwimmenden Pontons bieten als Nebeneffekt die Möglichkeit, Flächen auf der Wasseroberfläche zu generieren. Nutzungen für Solaranlagen und Anlegeplätze für Sportboote sind auf ihnen ebenso denkbar, wie kleine Parks, Bars oder eben auch Schwimmbäder. Insgesamt sollen 14 dieser Anlagen zwischen der Mühlendammschleuse und der Elsenbrücke gebaut werden.

Finanziert wird das Projekt durch Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Eine finanzielle Unterstützung durch den Berliner Senat blieb bisher aus. Dies ist besonders verwunderlich, da das Projekt bereits auf prestigeträchtigen Ausstellungen wie der Architektur-Biennale und der Weltausstellung 2010 in Shanghai als innovatives Berliner Projekt ausgestellt wurde und zahlreiche Auszeichnungen gewonnen hat.

Doch schon allein die Errichtung der Pilotanlage geriet zum Kraftakt. Denn obwohl die Pläne für diese Anlage längst fertiggestellt waren, untersagte die Berliner Hafen und Lagergesellschaft (BeHaLa) die Installation der ersten Auffangstation vor ihrem Grundstück in der Stralauer Alle 5. Der Grund dafür liegt in den für die Etablierung von Nutzungen auf der Pontonoberfläche nötigen Wegerechte. Diese seien laut Ralf Steeg unabdingbar, um den für die Entwicklung entstandenen Eigenanteil bei der Finanzierung zu refinanzieren. Die BeHaLa jedoch argumentierte, dass eine Nutzung der Wasserflächen vor ihren Grundstücken den Wert dieser erheblich mindern würden und entsagte SPREE2011 daher die Wegerechte. Desweiteren verlangte sie, dass die Versuchsanlage nach der Testphase wieder demontiert werden müsse. Ende Oktober 2010 konnten sich die Streitparteien jedoch auf einen Kompromiss einigen: Demnach erhiel SPREE2011 die Zusage, dass die BeHaLa das Projekt über einen Zeitraum von zwei Jahren unterstützen werde. Im Gegenzug dazu verzichtet SPREE2011 jedoch auf die Etablierung von Nutzungen auf der Oberfläche der Pontons.

Kann sich eine Stadt wie Berlin erlauben, ihren Fluss in einem desolaten Zustand zu belassen? Kann es sich eine Stadt, die sich nach eigenen Angaben zur "grünsten Stadt Europas" entwickeln will, leisten, einen stark verschmutzen Fluss in ihrer Mitte zu ignorieren? Ist es der Lebensqualität in einer Millionenstadt zuträglich, wenn an ihrem Fluss kaum qualitativ hochwertige Grünräume und Badestellen zu finden sind? Ist es für eine Stadt, die auch zwanzig Jahre nach ihrer Wiedervereinigung noch immer nach ihrer Identität und den Spuren ihrer einstigen Bedeutung sucht, klug, ihre einst große Bädertradition auf der Spree zu ignorieren? Bis zum Jahre 1905 entstanden auf der Spree 15 schwimmende Flussbäder. In der Militärunterrichts- und Schwimmanstalt vor der Köpenicker Straße 12 wurde von deren Gründer Ernst von Pfuel der Stil des Brustschwimmens erfunden. Initiatoren wie SPREE2011 ist es zu verdanken, dass die heute untergenutzte Spree als Naherholungsraum wieder in das Bewusstsein der Berliner Gesellschaft zurück geholt wird. Das Interesse an dieser denkbar einfachen Technik im In- und Ausland ist beträchtlich. Da bleibt es nur zu hoffen, dass es auch einer innovativen Stadt wie Berlin gelingt, die Potentiale eines sauberen Flusses zu erkennen und die Spree wieder in einen ökologischen Lebensraum zu verwandeln. Auf dass es in absehbarer Zukunft nicht mehr notwendig ist, mit der Badehose bis nach Wannsee zu fahren, sondern direkt in der Stadt die Vorzüge eines sauberen Badegewässers genießen zu können.

Mein größtes Vergnügen ist jetzt alle Tage in der Spree zu baden, wozu nahe bei Moabit eine sehr hübsche, von einer Hallerin geleitete Anstalt ist, in der auch Schwimmen gelehrt wird. Hier sieht man eine große Anzahl zum Theil recht hübsche Berlinerinnen als vollkommene Najaden mit nassen Haaren plätschern was sich allerliebst ausnimmt. (Komponistin Fanny Mendsselsohn um 1831)

Kommentare

1. Am Montag, 7 Dezember, 2015, 20:52 von Cécile Oberkampf de Dabrun

Obwohl es zwischen den Flüssen in den europäischen Städten große Unterschiede gibt, stellt man fest, dass das Beispiel des Badeschiffs keine Ausnahme ist. Auch Paris hat sein Bad auf der Seine, das Josephine Baker Schwimmbad (http://parisparis.in/piscine-josephine-baker), das Architekturbüro BIG hat für den Kopenhagener Hafen ein Schwimmbad realisiert (http://www.proholz.at/zuschnitt/22/baden-hafen.htm) und es gibt sogar ein schwimmendes Bad in Guadeloupe (http://www.guadeloupe.franceantilles.fr/actualite/sports/inauguration-de-la-piscine-flottante-sur-mer-31-08-2010-92250.php). Nachdem die Flüsse in den Innenstädten nicht mehr industriell genutzt werden, möchten die Menschen sich ihren Fluss wieder aneignen. Die Verschmutzung des Wassers bliebt zwar auch heute noch ein großes Problem, doch SPREE2011 zeigt da bereits eine gute Lösung auf, wie man die Situation verbessern kann.

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